Text & Foto: Charis | Schönste Zeit Magazin *

Nebel hüllt Hügel, Wein und Haselnusssträucher sanft in Watte, als wir an einem Novemberabend die neue Osteria Bërla von Jessica und Franco in der Altstadt von Murazzano besuchen. Das rege Treiben des Wochenmarkts, auf dem wir am Morgen noch Käse und Obst gekauft haben, ist der Stille gewichen.

Eine Nachbarin ist für einen kurzen Plausch mit Jessica vor die Tür getreten. Unterhalb des Torre di Murazzano huscht ein Kätzchen um die Ecke. Als wir eintreten, lodern bereits wärmende Feuer in den kleinen Öfen der Gaststube.

Gleich am Eingang laden ein gemütliches Sofa und Sessel zum Niederlassen ein. Auf den Fensterbänken und in den Regalen warten die unterschiedlichsten Weinflaschen darauf, von Jessica geöffnet und von uns probiert zu werden. Viele Etiketten sind kreativ gestaltet – darunter auch Yvonnes Weine von Serafina Quota. Neben anderen Flaschen von Winzern, deren Namen wir hier in der Langhe selten bis nie gelesen haben. Jessica kennt fast alle persönlich. Beispielsweise die Weingüter Cesca Daniele aus Moncalvo oder Cascina Gasparda aus dem Monferrato, Produzenten, die auch auf der Naturweinmesse La Terra Trema in Mailand vertreten sind, hier aber nur selten angeboten werden. Doch genau das ist das Kalkül.

Der mittlere Teil des „Bërla“ ist dem Service gewidmet. Gleich hinter dem Tresen öffnet sich eine kleine Küche – Francos Reich –, während Jessica uns begrüßt und an einen Tisch platziert. Jeder Tisch ist ein wenig anders und wirkt, als wäre er vom Flohmarkt zusammengetragen. Die handgeschriebene Speisekarte wechselt täglich. Franco kocht piemontesisch, lässt aber auch urbane Einflüsse zu: Frisse, Battuta al coltello, Ravioli fritti – und selbstverständlich Murazzano DOP, der Schafskäse des Ortes, der jung mild und cremig ist und im Alter würzig und charaktervoll wird. Portionen zum Teilen, Preise ohne Überraschungen. Aus den Lautsprechern tönt leise Musik, nur vom leisen Knistern des Feuers unterbrochen.

„Meine Mutter ist aus Murazzano und kannte den Besitzer“, erzählt Jessica über ihr Gasthaus. Sie, die zwanzig Jahre lang engagiert in einem Hotel in Monforte d’Alba gearbeitet hatte, und auch Franco, der aus der Gegend des Monferrato bei Asti stammt, sehnten sich zurück nach der Ursprünglichkeit, die sie aus dieser Gegend kannten. Weg von den touristisch überlaufenen Zentren des Barolo, an einen Ort, an dem bis heute der Murazzano DOP nach traditionellen Rezepten produziert und an kleinen Marktständen verkauft wird. Ein Platz, an dem Menschen zum Essen, Reden und Wein trinken zusammenkommen. „Very simple like an old family house, where the people can come and drink a glass of wine, discuss a little bit, eat a plate or no“ – So beschreibt es Jessica.

Das Gebäude der heutigen Osteria Bërla ist seit den fünfziger Jahren Gastwirtschaft, diente als Restaurant und Pizzeria, bis es acht Jahre lang ohne Bewirtschaftung blieb. Für Jessica und Franco wie gemacht für einen Neubeginn.

Bërla – piccola osteria, vineria non convenzionale

Originell sind auch der Name – ein Wortspiel aus dem Verb „bere“ (trinken) und dem piemontesischen Begriff für das Hinterteil der Schafe – und das Logo des Bërla, das ein aufrecht spazierendes Schaf mit einem Weinglas in der Hand zeigt. Eine Verbeugung vor den für Murazzano über Jahrhunderte so typischen Schafherden und eine Verbindung zu den Naturweinen, deren Ausschank die Bar für die Region zum Novum macht.

Im Sommer winden sich Weinreben um die Pergola vor dem Eingang, und man sitzt unter reifenden Trauben auf dem Kopfsteinpflaster. Im November knistert das Feuer. Die Jahreszeit wechselt, der Gedanke bleibt derselbe – im Bërla nippt man an einem Glas Wein aus der Langhe und findet in der Schönheit des Ursprünglichen sein eigenes Tempo.

 

Osteria Bërla Murazzano
„Piccola Osteria“
Via della Torre 7
12060 Murazzano CN
Tel. +39 334 200 6072

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*Die Journalistin Charis Stank sammelte redaktionelle Erfahrungen beim Verlag Gruner & Jahr, arbeitet als Texterin und Autorin. In ihrem Reisemagazin Schönste Zeit entführt sie Leser zu den schönsten Orte der Alpen – immer wieder auch in das Piemont.