Mitte September im Piemont. Die Schatten werden länger, es ist sonnig und warm. Über schmale Landstraßen, die sich wie eine Achterbahn durch die grünen Hügel schlängeln, machen wir uns auf den Weg in das Dorf La Morra. In der Ferne kräuselt sich eine staubige Wolke, ein scheinbar verlorener Traktor schleppt seinen Anhänger bergauf. Die Langhe ruht sich aus. Aber der Eindruck kann täuschen …

Mit einem Lächeln nimmt Daniela die herzlichsten Grüße von Yvonne entgegen, die uns erinnerte, dies nicht zu vergessen. „Sie ist so ein Schatz“, sagt Daniela in makellosem Englisch mit einem charmanten italienischen Akzent. „Am Freitagabend gehen wir zusammen essen.“ Sie winkt uns und wir folgen ihr hinein. „Willkommen in der Cantina Mauro Veglio“.

Von Yvonne hatten wir bereits verstanden, dass sie und ihr Ehemann Jörg seit vielen Jahren eng mit dem Winzer Mauro und seiner Frau Daniela befreundet sind. Sie erzählte uns, dass sie eine gemeinsame Leidenschaft für gutes Essen und guten Wein haben.

Diese Leidenschaft ist unverkennbar. Daniela erzählt, wie sie in den Weinbergen aufgewachsen ist, wie sie und Mauro sich kennengelernt und gemeinsam die Azienda aufgebaut haben. Wie sie mit Alessandro – dem Sohn von Mauros Bruder – eine Partnerschaft eingegangen sind und jetzt gemeinsam arbeiten. Wir hängen an jedem Wort, während sie leidenschaftlich erzählt.

Wir sitzen an einem schweren Tisch, genießen die verschiedenen Weine und Danielas Geschichten. Wir sehen Alessandro mit einem breiten, einladenden Lächeln im Gesicht durch die Tür kommen. Bald wird uns klar,  dass er ein wahrer Sohn der Barolo Gegend und dass sein Blut zweifellos nebbiolofarben ist. Er erzählt wie glücklich er über die Partnerschaft mit Mauro ist.  Der lässt ihm freie Hand , wenn es um Experimente und Innovation geht. Alessandro spielt eine wichtige Rolle im Unternehmen, wenn es um kaufmännische Aspekte und andere betriebliche Herausforderungen geht. Veränderungen in der Bearbeitung der Weinberge, auch aufgrund des Klimawandels gehören zu diesen Herausforderungen, Alessandro hat die wichtige Aufgabe, das Unternehmen zukunftssicher und nachhaltig zu leiten.

Mauro und Alessandro haben sich zum Ziel gesetzt, Weine herzustellen, die fast sofort trinkbar sind. Ohne dass sie jahrelang in einem Keller gelagert werden müssen, damit sie reifen.

Aus den Augenwinkeln sehen wir einen Schatten am Boden bei der Tür, wir sehen eine Person, die einen imaginären Splitter am Türrahmen bearbeitet.  Es ist Mauro Veglio, er hat die Weine gemacht, die wir gerade so ausgiebig verkosten.  Daniela und Alessandro beginnen beim Anblick des nervösen Mauro laut zu lachen: ‚Seit ein paar Tagen ist er so‘, sagt sie. ‚Er taucht überall auf, hinein in den Weinberg, wieder heraus – er weiß nicht, was er mit sich selbst anfangen soll‘. Er winkt uns zu; „Ciao!“ und schaut Daniela erwartungslos von der Tür aus an, als ob sie sie bitten würde, uns zu erklären, warum er so nervös ist.

Wir verstehen, es ist eine aufregende Zeit, die Ernte beginnt. Das ist der Moment, für den sie das ganze Jahr über hart gearbeitet haben. Die Reife der Trauben ist gut, aber es gibt noch Platz für nur ein kleines bisschen Extra. Die Luft ist mit so viel Energie aufgeladen, dass man es fast knistern hören kann.  Alle Winzer halten den Atem an, während sie einander im Auge behalten und bereit sind, jederzeit loszulegen.  Der Startschuss ist der erste Traktor, der die Straße hinunterfährt, auf dem Weg zu diesem Weinberg, voll mit reifen Trauben. Wir erkennen, dass der Zeitpunkt unseres Besuchs in der Cantina Mauro Veglio ein ganz Besonderer ist.

Alle Weine, die wir gerade verkostet haben, sind fantastisch, die Krönung ist der Barolo Castelletto 2016. Castelletto ist ein Gebiet zwischen Monforte d’Alba und Serralunga d’Alba, wo die Veglios 4 Hektar Nebbiolo-Trauben anbauen. Ein vollmundiger, ausgewogener Wein, der jahrelang im Keller bleiben kann, aber dank seiner runden Tannine auch jetzt schon genossen werden kann. Diese Flasche wird auf jeden Fall nach Hause begleiten, die Entscheidung fällt schwer, was sonst noch ausgewählt werden soll.

Alessandro nähert sich mit einem Handwagen, der mit dem von uns gekauften Wein beladen ist. Er hilft uns, das Auto zu beladen.  Wir danken Daniela und Alessandro für ihre herzliche Gastfreundschaft (Mauro ist nervös im Weinberg verschwunden) und nach unserem Abschied geht es zurück Richtung Barolo.

Der gleiche Weg über schmale Landstraßen. In der Ferne sehen wir wieder diesen Hügel mit der staubigen Wolke. Der scheinbar verlorene Traktor parkt nun in einem Weinberg, die Erntehelfer stehen bereit – der Startschuss hallt zwischen den Hügeln.

 

Text Ludo Paul van Mill @dutchwineembassy

Fotos Arianna Christiano @ariannacristiano

Fabio Rovere  @fabiofacose