Dem Takt der Großstadt entkommen, sich dem Stress des Alltags entziehen, gen Süden über die Alpen in die Sonne entfliehen – wie verheißungsvoll das klingt.

Nicht von Norden kamen wir über die Alpen ins Piemont. Von Süden aus Ligurien kommend, eroberte die Langhe unser Herz.

Varigotti, Juli 2019 – eine Woche Italien, wie wir Deutschen es seit der Generation unserer Großeltern lieben. Sonne und Strand, Pizza und Eis, laute Lebensfreude auf der Piazza und hupende Vespas bis spät in die Nacht. Nur heiß war es , viel zu heiß.

Und so fuhren wir von der Küste Liguriens nur wenige Kilometer gen Norden über Autobahnen, die halsbrecherisch auf Stelzen stehend das Hinterland durchziehen. Eine knappe Stunde nur und wir
kamen an.

Auszeit! Ein anderes Italien erobert unser Herz – das Piemont, die Langhe, grün, ruhig, zurückgenommen herzlich. Keine Prachtpaläste des Mittelalters zieren die Städte, keine Kolonnen
nordeuropäischer Wohlstandswagen schieben sich über die Hügel, keine Trattoria wartet mit englischen Speisekarten auf Touristengruppen.

Das bodenständige Leben geht gemächlich seinen Gang und gibt Raum sich einzufügen: mit dem Rad über die grandiose Panoramastraße zum Barbiere nach Dogliani, Marmelade aus den hutzeligen Aprikosenfrüchten der Marktfrau für den kalten
deutschen Winter kochen, Rosmarinstockbrot über der Feuerschale in der untergehenden Sonne improvisieren.

Wir genießen die Einsamkeit unserer Borgata, lassen uns darauf ein.
Wie heißen die Vögel, die aus der Lehmwand der Panoramastraße schlüpfen? Versteckt sich hinter den kleinen schwarzen Zangen tatsächlich ein Skorpion? Ist das Vogelgezwitscher bei Sonnenaufgang tatsächlich so laut wie im Urwald oder alles andere so unglaublich unbekannt leise?

Wer mag nach uns die Borgata genießen, sich von den vielen liebevollen Details im Haus inpirieren und vom Blick in die Seealpen faszinieren lassen?

Wohl dem, der in der Bar in Dogliani, Quotas Schlüssel zum Glück abholen darf.

 

Text Simone Hirsch

Fotos Sarah Mistura und Florian Koller