Text Sonja Messing *

Als morgens um 8.00 Uhr der Wecker klingelt und ich das grandiose Fest vom Vortag noch in allen Körperteilen spüre, kann ich mir schwerlich, also eigentlich überhaupt nicht, vorstellen, um 9.00 mit Yvonne zu einer Weinprobe zu gehen.
Zu einem Winzer der Bio-Weißwein (was im Piemont genauso wie Trüffel zu suchen ist) aus der Nascetta-Traube herstellt.
Des Öfteren hat Yvonne von diesem Winzer, namens Osvaldo gesprochen. Und dass sie ihn längst schon besuchen möchte.
Ich hätte es nicht für möglich gehalten, aber 1 Stunde nach dem Klingeln des Weckers und einem Caffé in der Bar Riviera, sitze ich bei ihr im Auto und wir starten. Auf der Suche nach dem Glück bzw. der Borgarta Valdibá.
Diese zu finden ist nicht ganz einfach, Hügel um Hügel, Borgata um Borgata, Grat um Grat. Von mir aus können wir den ganzen Vormittag mit Suchen verbringen. Was sich mir für Landschaftsbilder währendessen offenbaren, macht mich mehr als ehrfürchtig.
Jeder Hektar ist angepflanzt, jeder Quadratmeter berebt. Wieviele Hände braucht es um eine ganze Region zu bestellen. Meine Phantasie reicht nicht aus dafür.
Wir finden ihn. Und werden von drei bellenden Hunden begrüßt. Einer ist besonders laut und ängstlich. Wie sich später rausstellt, ist er bzw. sie gerade Mama von 7 Welpen geworden.
Da kommt Osvaldo. Osvaldo Barberis. Er führt uns direkt in die Cantina. Sie sieht aus wie neu. Yvonne sagt, sie ist uralt.
Wir laufen um’s Haus. Der Ausblick vor seinem Haus ist kaum zu eratmen, aber jener hinterm Haus macht Schnappatmung.
Plötzlich sitzen wir, wie im Film, in dieser urgemütlichen Kammer und wir haben sage und und schreibe, um 10 Uhr das erste Glas Wein in der Hand.
Es ist der weiße Aní. Der erste Schluck sagt: wow und hey und jasagmal.
Alle Bereiche im Mund scheinen bestens bedient. Natürlich ist es ein Fermo. Trocken und voller Frucht.
Trotzdem gibt ein Sensor für den Bruchteil einer Sekunde dem Hirn die Info: süß. Schluck.
Ach. Ich bereue nichts. Und bin äußerst freudig, dass ich hier sitze und dabei sein darf.
Die Uhrzeit spielt plötzlich keine Rolle mehr.
Oswaldo sitzt an diesem uralten Holztisch hinter einem Berg geöffneter Weinflaschen und erzählt seine Geschichte. Ich verstehe nicht alles, aber soviel, dass ich schnell begreife, dass er nicht nur eine Berg voller Reben, sondern auch voller Arbeit hat.
Wir probieren uns durch Nebbiolo, Barbera und Dogliani. Dazu begleiten uns Käse und Brot. Da fällt uns plötzlich in diesem ganzen Konglomerat von Flaschen, eine ganz besonders auf.
Sie ist etwas höher als alle anderen und so ganz ohne Etikett. Diese schlanke Nackte macht uns neugierig. Oswaldo grinst breit, als wir nach ihr fragen.
Eine lange Pause entsteht. Dann beginnt er zu erzählen. Von seinem verrückten, chaotischen Freund. Dieser baut ein paar Nebbiolo Trauben an, in Monforte d’Alba. Oswaldo keltert daraus einen Barolo. Etikett gibts noch keins. Wir dürfen probieren und plötzlich ist es mucksmäuschenstill.
Niederknien wäre sicher etwas übertrieben gewesen, aber ehrlich, weit weg davon waren wir nicht. Das ist der beste Langhe Rosso, der je in meinem Mund gelandet ist.
Kurze Zeit später laden wir wertvollstes Gut auf Yvonnes Pritschenwagen.
Es gibt nichts Schöneres, als die Vorfreude auf den besten Barolo und Nascetta auf Erden.

Borgata Valdiba‘ 42 Dogliani
+39 0173 70054
www.osvaldobarberis.com

*Sonja Messing ist Interieurdesignerin. Sie führt einen Conceptstore in Bregenz am See, in der bejahrten Villa Mauthe. Called Schoscha Einrichtungen.
Hier wird neues Design mit Anitkem und Möbeln aus verschiedenen Jahrzehnten kombiniert. In Amsterdam, Lissabon und Genua findet sie Schätze, die Geschichten in die Räume ihrer Kunden tragen. Es geht Ihr um Nachhaltigkeit und die Liebe zum Detail.
Sie berät, plant, konzeptioniert und führt aus. Für das private Zuhause, das Office, das Ladengeschäft oder die Gastronomie.Sie liebt es, Kommunikation zwischen Raum, Interieur und den Menschen herzustellen.
Den Dialog zu schaffen, um dem Individuum das bestmögliche Wohlgefühl zu geben.Sie designt ihre Möbel selbst, wenn sie mit dem Marktangebot nicht zufrieden ist.
Und sie macht Mut, weil das Leben zu kurz für Mainstream ist.