Dogliani Castello. Langhe, mal anders.

Text Arianna Christiano

Vor ein paar Wochen, um der schwülen Hitze der Stadt zu entkommen, sagte ich zu Fabio: Komm mit, ich bringe dich an einen besonderen Ort. Also fuhren wir nach Dogliani, um den Fächer in der Hand gegen die dass die frische Luft der Langhe einzutauschen. Dort wartete Yvonne auf uns. Zusammen mit ihrem Kulturverein Serafina verwandelt sie Dogliani Castello, ein Dorf von uralter und entwaffnender Schönheit, in eine kleine, fröhliche Insel voller künstlerischer Aktivitäten. Menschen, versammeln sich an diesem schönen Sonntag Ende Juli um eine 150 Jahre alte Druckmaschine. Designer aus Wien erzählen uns bei einem Glas Wein, weshalb sie in der Altstadt gelandet sind.

Meet me in Dogliani

Ein hell erleuchteter Garten, grüne Rasenflächen und überall verteilt Liegestühle und Sonnenschirme – im schönen Abendlicht sogar noch besser als die Aussicht aufs Meer. Eine endlose Reihe von unverkorkten Flaschen, ein kleines Buffet mit lokalen Produkten, eine alte Druckmaschine, überall Farbdosen und lächelnde Menschen. Man heisst uns willkommen, als ob man uns immer schon gekannt hätte. Wenn dies kein Paradies ist, was dann? Yvonne ist mehr als eine Frau, sie ist eine Naturgewalt: Ich habe sie bei einem Workshop im Print Club Turin kennengelernt – wir haben uns dort mit Farbe beschmiert und viel über Siebdruck gelernt. Jetzt hängt einer ihrer Drucke an der Wand in meiner Küche: das perfekte Rezept für die Herstellung von Pizza, in kubischen Buchstaben und in leuchtenden Farben. Yvonne verbringt seit mehr als 20 Jahren die Wintermonate in Italien. Sie hat in dieser Zeit alte Steinhäuser restauriert, die Gärten neu angelegt und nebenher einen Kulturverein gegründet.

Do What You Love

In der historischen Altstadt von Dogliani wird jedes Jahr eines ihrer Häuser zur Künstlerresidenz. Ein anderes wird in in Atelier umgewandelt. Eingeladen sind Designer, Grafiker und Gestalter, in Castello zu wohnen und zu arbeiten.
Entstehen sollen Etiketten für Pinot noir und Riesling, Magnums only. Die Trauben wachsen – wie schon seit vielen Jahren – an steilen, kleinen Hängen rund um die Bocciarda in Roddino, die Weinberge wurden mit Hilfe der Winzer Gianfranco Alessandria und Mauro Veglio renaturiert.

„Do What You Love“ heißt dieser Wein – es ist wohl auch ein Motto, das alle Menschen vereint, die daran arbeiten: Handwerker, Winzer und Designer arbeiten Seite an Seite, um ein Projekt zu verwirklichen, das von alten Kulturlandschaften erzählt, von Menschen, die darin leben und von ihren Leidenschaften.

Let us print

Das Weinlabel 2018 wurde der liebenswerten Bärbel von Studio Franza anvertraut: Sie erzählt mir in perfekten Italienisch, wie ihr Aufenthalt (und der ihrer Familie) in Castello zu einer Art Hommage an eines der Serafina Häuser wurde: Casa Capra, verdankt den Namen einem vierbeinigen Pächter, der bis vor wenigen Jahren noch in dem rustikalen Gebäude gewohnt hat: eine Ziege! Heute, dank Yvonne, ist das schöne alte Haus ein beliebtes Feriendomizil geworden.
Das Etikett des Weins, den wir jetzt glückselig schlürfen, wurde vom Studio Schneeweis/Wittmann, von Ulla und Fabian, kreiert: Mit auf ihre Reise nach Dogliani ging 2017 ihre 150 Jahre alte Handdruckmaschine aus Wien, sie ist auch bei der diesjährigen „Print Party“ wieder im Einsatz und macht alles sehr besonders und speziell.
Auf dem Etikett steht: „Il bicchiere e mezzo pieno“ (das Glas ist halb voll). Begeistert vom minimalistischen Design beginnt Fabio Fotos von den Magnums zu schiessen. Ich dagegen muss lächeln: Mit dieser Aussage bin ich mehr als einverstanden.

The forgotten village

Mit einem Glas Pinot in der Hand kommen wir mit den Einheimischen ins Gespräch, besonders mit Alessandra, Kulturstadträtin und Antonio, genannt Bibi. Er lockt uns sofort mit seinem Langa-Thai (schmeckt wunderbar orientalisch, wird aber ausschließlich mit Produkten aus der Langhe hergestellt) und überredet uns danach zu einem Spaziergang. Er zeigt uns in die Schönheit dieser Altstadt und führt und an Plätze, die den meisten unbekannt sind. Noch magischer, weil wir von dort aus den Sonnenuntergang bewundern können.
Hier erzählt er uns von der Geschichte dieses Orte , die Vergangenheit der alten Mauern, aber auch was sich er und sein Verein, Gruppo Volontari Castello C’a, für die Zukunft erhoffen. Mit kulturellen, musikalischen und gastronomischen Veranstaltungen, mit authentischen Unterkünften wollen sie einen nachhaltigen und leidenschaftlichen Tourismus anziehen.
Als wir in Dogliani ankamen, haben wir niemanden gekannt. Aber wir verlassen den Ort mit dem Gefühl, Teil der Gemeinschaft zu sein: hier ist es leicht, sich wie zu Hause zu fühlen. Das kann natürlich dem Wein zu verdanken sein, der immer alle vereint. Vor allem aber auch Menschen wie Yvonne und Antonio – und dann Alessandra, Tuomo, Ivan, Teresita, Bärbel, Ulla & Fabian, Marta, Dominik… Namen von Menschen, die von einer großen Liebe für dieses Land erfüllt sind, die in uns den Wunsch geweckt haben, wiederzukommen. Und Teil dieser Geschichte zu sein.

Text Arianna Cristiano @pintandomoninches @ariannacristiano
Fotos Fabio Rovere @fabiofacose

@lestradeditorino