Flow

Wenn alles einfach stimmt

 

Serafina Quota.
Erschien plötzlich auf meinem Bildschirm. Wie es da hin kam … es ist mir einfach zu gefallen. Wie der Zufall so will.
Geheimnisvoll. Rätselhaft. Der Klang: Balsam für die Seele. Und ja, ich wusste sofort. Das ist es. Da möchte ich hin. Das ist der Ort wo ich auf Zeit wohnen und arbeiten möchte. Der Ort, den ich gesucht habe, ohne zu wissen, dass er existiert. Irgendwo. Ein Ort zum eintauchen, verweilen, mich verbinden und auszutauschen. Einfach da sein.
Quota – Do what you love. Yesss. Genau so.

 

So machte ich mich an einem wunderschönen sonnigen Sonntag mit Sack und Pack und Hund Suma auf den Weg. Das Auto vollgepackt mit Farben, Pigmente, Papier, Leinwandstoff und Pinseln. In freudiger Erwartung auf das, was kommen mag. Die Offenheit es einfach kommen zu lassen. Ich wusste nicht mal genau wo ich hinfahre. Natürlich hatte ich auf der Karte geschaut. Also geografisch war es klar. Von allem anderen habe ich mich überraschen lassen. Loszufahren ohne zu wissen wie es an meinem neuen Schaffensort sein wird, ist wunderbar. Der Weg ein Geschenk. Das Ankommen sowieso.

 

Kurz vor Ankunft, ich machte gerade bei einer Kirche auf einem Hügel Pause, wo ich die wunderschöne Aussicht und das Leben, das mich jetzt schon so reich beschenkte genoss, erhielt ich eine Nachricht auf meinem Handy. Eine Einladung von Yvonne.
Ob ich Lust hätte gleich in die Barolo Bar in Montforte zu kommen. Dort wären einige Freund*innen, das wäre doch klasse die gleich schon kennenzulernen. Ich könnte natürlich auch in mein neues Zuhause auf Zeit fahren. Wenn ich müde wäre. War ich nicht. Und Barolo Bar klang super! Auf dem Weg dahin tauchte plötzlich eine in weiß getünchte Bergkette auf. Diese Landschaft! Wow! Sanfte grüne Hügel gespickt mit erdfarbenen Häusern, blauer Himmel und dann diese weißen, imposanten Berge vor mir. Einen Moment konnte ich mich nicht entscheiden. Anhalten oder weiterfahren? Doch die Barolo Bar rief. So fuhr ich nach Montforte, durch die schmale Gasse im schönen Städtchen und da war schon die Bar. Unverkennbar. Leute standen draußen, es sah sehr gemütlich und einladend aus. Als ich mit Suma reinkam wurden wir von allen Leuten die dort saßen und standen unglaublich herzlich begrüßt. Hinten am langen Tisch saßen die Dogliani-Castello-Montforte Freund*innen. Von weitem sah ich schon Yvonne. Sie winkte. Das war also the place to be. Oder besser gesagt, einer der Lieblingsorte. Es würden noch mehrere folgen…. Was für ein grandioses Ankommen. Besondere Menschen. Lebensfreude. Gespräche. Lachen. Essen. Und natürlich Wein!
Borgo di Castello.
Nachts weiter nach Castello. Dort würde ich leben, arbeiten, malen, spazieren, Menschen kennenlernen, für mich alleine sein. Ganze vier Wochen. Eintauchen, den Ort erkunden, die Atmosphäre spüren. Neues kennenlernen. Neues erschaffen.
Das fast mysteriös goldene Licht der Laternen, die schmalen Gassen, der Torbogen unterhalb von dem Häuschen, welches mein Atelier wurde, faszinierten mich schon in der ersten Nacht. Ein paar Grillen zirpten. Ansonsten Stille.

 

Aufwachen. Sehen. Staunen.
Faszinierende Ursprünglichkeit. Wie kann ein fremder Ort so vertraut wirken?
Spaziergänge. Jeden Tag. Schön, dass Suma dabei ist. So liefen wir mehrmals täglich. Durch die schönen Gassen. Auf dem wunderbaren Platz bei der Kirche genossen wir die Aussicht. Immer wieder trafen wir auf freundliche Menschen. Den Weg runter zum Markt mochte Suma besonders gerne. In Vorfreude auf den Käse, den sie von den Marktleuten immer wieder bekam. Von dem kleinen Atelierhäuschen ging es runter auf die Wiese und wieder weiter hoch den Hügel hinauf. Den Bach entlang. Suma freute sich über das Wasser und versuchte immer wieder rein zu gehen. Da fielen mir die wunderschönen Farben auf dem Grund auf. Sie korrespondierten mit den Farben der Häuser. Gelb-, Braun-und Ockertöne, Schattierungen von Grau. Je nach Lichteinfall schimmerte es sogar manchmal rötlich. Man könnte darin das tiefe Rot der Kirchen erahnen. Auch ich stieg in den Bach und nahm an verschiedenen Stellen etwas von dem Lehm und Schiefer mit. Schön verpackt in kleine Zippertütchen stellte ich sie zur Inspiration auf das hölzerne Fensterbrett im Atelier. Diese Farben!
Gleich am ersten Tag fielen mir auch kleine Scherben von Kacheln auf, die hin und wieder auf den kleinen Trampelpfaden und Wegen zwischen den Steinen lagen. Irgendwie lachten sie mich an und ich begann sie täglich aufzuheben. Es gab kaum mehr einen Spaziergang, an dem ich nicht eine kleine Scherbe in meine Hosen- oder Jackentasche gesteckt habe. Anfangs hab‘ ich einfach nur aufgehoben was mir auffiel. Später wurde mir bewusst, dass ich wegen meiner Geburtsstadt Delft („Delfts Blauw“), von Kindheit an eine Affinität zu Kacheln habe.
Die kleinen Scherben, die ich in Borgo di Castello gefunden habe, vermitteln so viel Leben. Menschen haben sie gemacht. Bevor ich sie gefunden, aufgehoben und mitgenommen habe, hatten sie schon ein Leben in Häusern, auf Wänden oder Böden. Vielleicht auch in Läden, Cafés und Fabriken.

 

Mit dem Schiefer begann ich zu arbeiten. Zunächst pur, auf Papier und Leinwand. Ich tastete mich heran, an das Material, an das was es mir sagen wollte. Mit den Tagen kamen andere Materialien, die ich auf meinen Spaziergängen fand, dazu. Wie die wunderschöne Asche unter der Laterne, gleich neben dem Eisentor vom großen Haus in Castello. Und Lehm.
Ursprünglichkeit. Das spürte ich so deutlich. Back to the roots. Natürlich und Schlicht. Mehr brauchte es nicht. Alles Überflüssige fiel weg. Die Sinne schärften sich.

Erdfarben und Blau. Himmelsblau. Das Blau der Fensterläden. Graublauer Schimmer in den Pfützen nach dem Regen. Blauer Stuhl im Hof. Und schließlich das Meer. Weit und Blau.

 

Zu dem Schiefer kamen Pigmente. Zunächst sanft und zart. Dann zunehmend farbiger. Wie das Leuchten der Häuserfassaden in der Sonne. Die Blumen in der Wiese. Die weißen Berge. Das Orangerot in einem Innenhof. Grüne Gießkannen auf dem Friedhof.

 

Die Atmosphäre von diesem besonderen Ort einfangen. Manchmal brauchte ich die Einsamkeit, das alleine verweilen in einer Art Zeitlosigkeit. Um dann wieder das Glück der unzähligen Begegnungen zu spüren. Beides zusammen hat mich in einen künstlerischen Flow gebracht.
Leise, tastend entstanden die Bilder. Das Atelierhäuschen wurde immer mehr zur Alchemistinnen-Werkstatt, voller Gefäße. Mischen, Schichten, auf- und abtragen. Verwandlungsprozesse.

 

 

Und dann kam die Musik.

Mit Benjamin aus Berlin. Tuomo war so lieb um ihm seinen Verstärker auszuleihen. So wurde das Atelierhäuschen auch zur Musikerklause. Wir experimentierten mit verschiedenen Aufnahmen. Wie hört es sich an, wenn die Pinsel über die Leinwand streichen. Das Wasser in den Behältern gerührt wird. Kohlelinienstriche und Spachtelritzungen.
Benjamin über seine Arbeit: „Als ich in Dogliani Castello ankam, musste ich nur noch mein kleines mobiles Studio aufbauen. Auf dem alten Holzofen machte ich mich breit und begann noch am gleichen Abend mit Aufnahmen und Arrangements.

In den folgenden zwei Tagen kreierte ich eine Soundinstallation aus Aufnahmen, wie oben beschrieben, und Synthesizer-klängen/ Loops / Texturen, die durch Tuomos Verstärker hörbar wurden und dann auch durch das Atelier „flogen“.

Am Vorabend noch in Berlin im Fernsehturm am Piano gesessen und am nächsten Vormittag in diesem kleinen magischen Ort auf dem Berg.

Diese Vorstellung nutzte ich als Inspiration. Raum und Zeit.

Noisy World entstand.“

 

 

Krönung. Polentafest & Einladung ins Atelier.
Ein Dorffest wie es schöner nicht sein konnte. An dem herrlich sonnigen letzten Sonntag im April lud der Kulturverein Castello c’è zu Polenta und Wein ein. Jung und alt beisammen. Essen, trinken, reden, lachen, genießen. Die Seele baumeln lassen.
Bibi, der einige Tage zuvor im Atelier war, erzählte den Dorfbewohner*innen über meine Arbeit. So blumig und inspirativ! Wer nach dem Essen, trinken und plaudern Lust hatte zu uns in’s Atelier zu kommen war herzlich eingeladen. Und es kamen einige. Bekannte Gesichter und bis dahin unbekannte. Gespräche, Staunen, Austausch. Helen entpuppte sich als tolle Atelierführerin für diejenigen, die kein Englisch konnten. Danke! Benjamins Komposition wurde eins mit der ganzen Umgebung. Atmosphärisch, sinnlich, tief.

Es war die Krönung meiner vier wunderschönen, intensiven Wochen in Castello!

Während ich hier in meinem Atelier sitze und schreibe, bin ich in Gedanken tief mit euch allen verbunden. Danke für Freundschaft, Austausch und Inspiration. Ich freue mich auf ein Wieder – Sehen!

 

Danke

YVONNE ∙ you are the best – Möglichmacherin und Menschenzusammenbringerin, Häusern worin Gestalterin von Häusern in denen sich Menschen zuhause fühlen können. Tuomo ∙ the best neighbor ever – Deine alte Leiter hinter’m Haus hat mich inspiriert. Deine Musik sowieso. Bibi ∙ so much power in bringing people together and making Castello to a wonderful place to be. Translator and of course also best neighbor. Gabri ∙ the daily encounters – we understand each other without words. Gabri & Franco ∙ a pleasure to work in your cute studio house. Monica ∙ dear librarian – thanks for borrowing the nice arte povera book. Tibor ∙ közös gyökerek. Tibor & Gernot ∙ yeahhh great music. Teresita & Ivan ∙ touching artists, lets create a project together. Stefano ∙ best baker ever – Love to paint on your bags. Bruna & Gianfranco ∙ wine ♥ next time I will definitely visit you. Helen ∙ such an inspiring photographer.  Emanuela ∙ „we don’t make friends, we recognize them“. Giovanni ∙ love your harp music. Bugi & Andreas ∙ Willkommensmenschen. Alfonso ∙ connected with an artwork.
Die Käseverkäuferin am Samstagsstand, der Käseverkäufer am Dienstagsstand ∙ a big thank from Suma. Der Gemüseverkäufer aus Castello ∙ so special herbs and vegetables. Andrea aus Cissone ∙ thanks for the cafè – Locanda dell’Arco, unbedingt hingehen.
The people from Castello c’è. The people from the Bar Riviera in Dogliani and from the Barolo Bar in Montforte.
Und alle anderen denen ich begegnet bin.  .
Es war mir eine Freude!

 

Darauf trinke ich ein Glas Wein. DO WHAT YOU LOVE. Yesss!

 

Panka Chirer-Geyer ist freischaffende Bildende Künstlerin und Kunstpädagogin.
Ihre Leidenschaft ist Reisen. Nah und fern. Den Spirit von Orten und Menschen erspüren.

Geboren in den Niederlanden. Ungarische Wurzeln. Lebt in Villingen-Schwenningen und manchmal anderswo.

 

www.panka.info
Wer die ganze Geschichte über die Kachelscherben lesen möchte, findet sie hier.

 

Benjamin Geyer ist Pianist und Komponist.
Er lebt und arbeitet in Berlin.

www.benjamingeyer.com
https://bernsteinzimmer.bandcamp.com/