Vordergründig gehaltvoll

 

Nein, dieser Ausflug auf die Bocciarda stand unter keinem guten Stern. Über allem waberte von Anfang an der schale Geruch der Verweigerung. Langjährige Begleiter, die plötzlich in Arbeit statt Wein versinken wollten; Gemma, die für uns keinen Platz in ihrer Osteria hatte (drei Monate vorher reservieren?!); eine Reservierung in der Trattoria dell´Amicizia in Roddino mit dem ausdrücklichen Hinweis, gleich nach der Ankunft und kurz vor der Bettruhe kein ganzes Menü sondern nur etwas Teigwaren essen zu wollen. Angst also.

 

Tag 1: Verwirrung

 

Doch dann löst sich diese innere Verkrampfung ganz von selbst. Nicoletta hat die halbherzige Absage an ihre Küche nicht einmal ignoriert. Es wird mit einem Augenzwinkern das ganze Menu aufgetragen. Spätestens beim Carne Cruda, das auf der Speisekarte als Insalata geführt wird, ists vorbei mit dem Gezicke. Dieses ausserordentliche Hackfleisch ist der neue Salat, basta! Ob da jetzt noch ein Schuss Zitrone, ein Hauch Olivenöl, eine Prise Salz und weisser Pfeffer drin ist – geschenkt. Denn spätestens jetzt ist klar: die Trattoria dell´Amicizia in Roddino hat einen ausgezeichneten Koch.

 

Wir essen dann auch alle alles während Nicoletta bei jedem Gang “Solo un po di primi, hm!” kichert. Sie weiß wie schwach wir sind und das ist gut, denn der Risotto mit Steinpilzen (frische, nicht getrocknete) ist hier der Hammer.

 

Beim Wein halten wir uns standesbewusst an Nebbiolo und bekannte Weingüter der Gegend. Denn Barolo ist für Snobs, die das Unverfälschte nicht schätzen. Doch hier leuchtet der unglückliche Stern, der verdammte, dann doch wieder. Keiner der nur vordergründig gehaltvollen Roten kann uns begeistern und erst bei Elio Altare, dem Altmeister, kommt Zustimmung auf.

Nicht alle haben Nicolettas Verwandlung in eine uns umkochende Sirene gleich gut verdaut und die Nacht war in Teilen der Bocciarda unruhig.

 

Tag 2: Klarheit

 

Wenn der Nebbiolo mit uns nicht kann, dann gibts da immer noch seine zugänglichere Schwester: den Barbera. Der begleitet uns am nächsten Tag durch ein vorzügliches Mittagessen im Uri Sappori Condivisi. Der neue Restaurant-Stern (diesmal definitiv ein Guter) der Langhe liegt am Ortsrand von Roddino Richtung Serravalle Langhe. Von der Bocciarda aus sieht man hinüber.

 

Doch heute ist da Nebbio und definitiv nicht Nebbiolo, und wir fahren mit dem Auto statt einen Spaziergang zu machen. Es gibt unter den erstaunlich vielen Wanderwegen rund um Roddino auch einen zu diesem neuen Lokal. Er startet unterhalb der Bocciarda in der ersten Kurve nach Cissone links weg. Und dann einfach immer aufwärts.

 

Die klare, aufgeräumte Ruhe eines asiatischen Landhauses empfängt uns mittags im Uri Sappori Condivisi. Der Koch ist Koreaner und seine Interpretation der klassisch-piemontesischen Küche macht alles plötzlich so leicht. Die Speisenfolge ist traditionell und wird von Kim um neue Aromen bereichert. Die wachsen zum Großteil im Gewächshaus und Garten direkt beim Lokal. L’anguilla arrostita con carpione di verdure e giardiniera in agrodolce, Sandwich croccante di faraona con bernese e insalatina, Ravioloni di patate dolci, Carrè di agnello con piselli freschi e menta. Ist alles irgendwie bekannt und schmeckt doch anders. Das Carne Cruda ist nicht faschiert sondern in ganz kleine Stückchen geschnitten. Daran scheiden sich die Geister, weil das plötzlich “so Fleisch” ist.

Sonst sind wir leichte Beute. Wie am Vorabend erliegen wir dem Charme der Kellnerin. Sie kann Englisch, zeigt Humor (nicht so leicht bei uns), wir verstehen uns und folgen ihr blind. Auch auf die Terrasse des Lokals, von wo aus man einen phantastischen Blick Richtung Monforte und die italienischen Alpen hat.

 

Tag 3: Erkenntnis

 

“… Derjenige, der den Ball ausschlägt, steht, die Rechte mit einem hölzernen breiten Stachelringe bewaffnet, auf der obersten Höhe. Indem nun ein anderer von seiner Partei ihm den Ball zuwirft, so läuft er herunter dem Ball entgegen und vermehrt dadurch die Gewalt des Schlages, womit er denselben zu treffen weiß. Die Gegner suchen ihn zurückzuschlagen, … Die schönsten Stellungen, wert in Marmor nachgebildet zu werden, kommen dabei zum Vorschein. Da es lauter wohl gewachsene, rüstige, junge Leute sind, in kurzer, knapper, weißer Kleidung, so unterscheiden sich die Parteien nur durch ein farbiges Abzeichen. …” So beschreibt Goethe in seinem Reisetagebuch “Italienische Reise” das Gara al Palone, ein uraltes Ballspiel. Am nächsten Tag sitzen wir quasi im Vereinslokal, auf das “wohlgewachsen” und “jung” ebensowenig zutrifft wie auch den Wirt und seinen Sohn. Sie waren Stars der lokalen Palone-Szene, daran erinnern Fotos in der Gaststube und in der Küche. Die ist auch das Wohnzimmer. Und die Bar. Und das Lager für die frisch zubereiteten Nudeln.

 

Uns dirigiert man in den Speisesaal, stellt Roten und Weißen auf den Tisch und dann ist Anpfiff. Das ist der Beginn zu einem phänomenalen piemontesischen Menü, bei dem die Köchin und wir alles geben.

Das Spiel “Langhe gegen uns” ist über weite Strecken hart, unfair und als Auswärtsspiel gegen eine ausgezeichnete Heimmannschaft nicht zu gewinnen. Wir versuchen, im ersten Viertel bei den Vorspeisen ein hohes Tempo zu gehen. Dabei bringt uns der Gegner mit unerwarteten Einwürfen wie gebackenen Pilzen (!) immer wieder aus dem Rhythmus.

Im zweiten Viertel, traditionell eine unserer Stärken, putzen wir die Primi nur so vom Feld und leeren eine um die andere Platte: Tajarin und Ravioli dal Plin haben wenig Chancen, weil wir sie selten so ausgezeichnet gegessen haben. Der Anfang vom Ende kommt mit den Secondi, bei dem zum ersten Mal Cinghiale auf den Tisch kommt. Bei einem so hervorragend geschmortes Wildschwein gibt es kein Erbarmen. Die Dolci, die folgen, haben wir nur noch am Rande miterlebt, der Lemoncello am Ende ist ein Hohn auf uns als Gegner. Fazit: dieses Essen in diesem Lokal ist unschlagbar und “Alta Langhe at its best”.

 

Ich hab Jörg, dem Bocciarda-Chef, versprochen, dass ich Ort und Name seiner Entdeckung nicht verrate. Er will nicht, dass diese althergebrachte Trattoria zum Spielplatz der Barolo-Jünger wird. Doch wenn Du denkst, dass Du bereit für so viel Piemont bist, dann frag ihn um die Adresse.

 

 

Das Buch zum Ausflug: James Anderson “Desert Moon”

Der Soundtrack: Black Lips “Arabia Mountain”