Auftakt

Ab dem Moment, als wir zum ersten Mal von Serafina Quota und dem „Artist in Residence“-Projekt gehört haben, saß uns ein kleiner Floh im Ohr. Wir wollten unbedingt dorthin – es klang alles so stimmig und reizvoll.

Wir sind Ulla Schneeweis und Fabian Wittmann. Gemeinsam leben wir für und von unserem Designstudio mit Papierwerkstatt in Wien. Vier Wochen haben wir uns Zeit genommen, um uns voll auf das Projekt einzulassen. Alles​ andere muss warten. Während wir in dieser inspirierenden Landschaft, umgeben von herzlich offenen Menschen, genährt von so einfachem wie umwerfendem Essen und berauscht von unfassbar gutem Wein, nur ein Ziel haben: Diesen Wein in Szene zu setzen.

„Do what you love“ heißt der Wein – und das nehmen wir wörtlich. Es stand nicht zur Diskussion, ob, sondern nur wie wir unsere 150 Jahre alte Letterpress-Handdruckmaschine von Wien ins Piemont befördern, um mit den Menschen vor Ort auf gemeinsame Druck-Abenteuerreise zu gehen.

Es hat alles gut geklappt und nun sind wir da. Tüfteln an Form und Farbe, feilen an Typografie, probieren Material und Papier. Und erleben Hilfsbereitschaft und Neugierde unserer Nachbarn in Dogliani Castello.

Am Ende stehen ein visuelles Gesamtkonzept für diesen Jahrgang und eine limitierte Sonderedition mit von Hand gedruckten Letterpress-Labels. Und natürlich eine wunderbare Geschichte, die wir uns noch lange bei einem Gläschen Wein erzählen werden.

Jemand hat einmal gesagt: „Wähle einen Beruf, den du liebst – und du brauchst niemals im Leben zu arbeiten“. Es scheint, als würden wir diesem Ziel wieder ein Stück näherkommen.

 

Inspiration

Was soll auf das Etikett? Wie soll es aussehen? Was soll es aussagen? Was soll der Betrachter sehen, fühlen, denken? Wie werden wir diesem besonderen Wein gerecht? Diese Gedanken kreisen in unseren Köpfen. Wir dachten, wir können so beginnen, wie wir es gewohnt sind, unsere Projekte zu beginnen. Recherche, Skizze, Entwurf, Ausarbeitung, …

Jedoch wollen sich unsere Gedanken nicht so recht ordnen lassen. In Bahnen lenken, um sie gemeinsam zu analysieren, und evaluieren, damit wir im Prozess weitergehen können. Wir haben manchmal das Gefühl, die Inspiration ist uns abhandengekommen. Kann es sein, dass wir überfordert sind, mit zu vielen unterschiedlichen Eindrücken, die unsere Inspirationsgefäße einfach überfüllt haben? Tatsächlich scheint es so – es dauert Tage, bis wir dahinter kommen. Also müssen wir uns auf ein anderes Arbeiten einstellen. Nicht Dolce Vita in Bella Italia, gemütlich in der Sonne sitzen und ein bisschen kreativ sein. Sondern richtig arbeiten, innere Kämpfe kämpfen, zweifeln, diskutieren, über Grenzen gehen und schließlich — Neues erkunden.

Wir sind uns einig. Wir möchten all die positive Energie, die uns hier entgegengebracht wird und die wir in uns tragen, zum Ausdruck bringen. Wir möchten eine Grundhaltung in das Projekt einfließen lassen, die unsere Persönlichkeit, unseren Umgang mit Mitmenschen, Freunden und Familie widerspiegelt. Wir füllen unser Glas mit Wein und es ist halb voll – il bicchiere è mezzo pieno (das Glas ist halb voll). Das muss auf der Flasche stehen.

Lass uns darüber reden:​​ Die einen werden sagen, es ist halb leer, für die anderen ist ein halb volles Weinglas ein Glas in dem nichts fehlt. Und wieder andere werden sagen, das Glas ist zu groß.

Wir drucken einen Halbkreis auf das Etikett, welches sich exakt um die Hälfte der Flasche spannt. Auf den Rändern der Name des Weins im halbierten Endlos-Satz: do what you​ love​whatyou do what you love … Der flächig gedruckte Halbkreis überlagert sich mit einem Kreis aus konzentrischen Linien, die sich sanft im Farbton abheben. Die Fläche ist eine Hälfte des Ganzen – die andere Hälfte bleibt offen und gibt Raum für Interpretation.

 

Handwerk

Unsere Handdruckpresse steht also in unserem temporären Italo-Atelier und wartet geduldig auf ihren Auftritt. Bis alles vorbereitet ist, vergehen Wochen. Unser Nachbar Ivan, der Kunstdrucker hier in Castello, hat uns einen Kollegen vermittelt, der uns die Druckformen machen kann. Wir ahnen nichts von der Kreativität des italienischen Druckvorstuflers. Als wir die Klischees abholen, müssen wir feststellen, dass er die Linienstärke der Schrift erhöht hat – das hat gravierende Auswirkungen auf die feine Typografie. Also beschließen wir, in einer Expressaktion die Druckklischees in Wien bei unserem gewohnten Partner zu bestellen.

Das Papier ist geliefert: Es eignet sich nicht nur wunderbar für Letterpress, sondern hat auch noch eine ganz besondere Eigenschaft. Reste aus der Weinproduktion (Treber) werden dem Zellstoff beigemengt und verleihen dem Material nicht nur eine ganz besondere Haptik und einen leicht rötlich warmen Farbton, sondern auch einen genialen Upcycling-Faktor. Auf unserer Reise ins Piemont haben wir dem traditionellen italienischen Papierhersteller Favini einen Besuch abgestattet. In Bezug auf innovative und nachhaltige Produktideen kann man hier wirklich von einem Pionier sprechen. Und dankenswerterweise konnten wir gemeinsam mit Avery Dennison einen Weg finden, das Etikettenpapier in so kleiner Menge, wie wir sie benötigen würden, zu beschaffen.

Auch wir leisten Pionierarbeit. Vor Jahren, als wir mit Letterpress begonnen haben, wollten wir keine klassischen öl- oder gummibasierenden Farben verwenden, sondern suchten nach Alternativen. Wir haben mit unserer Druckerei gesprochen, die ebenfalls auf Nachhaltigkeit setzt und den „Cradle2Cradle“- Gedanken verfolgt. Für ihre Offset-Maschinen benutzen sie biologisch abbaubare Farben. Wir konnten diese auf unseren Letterpress-Maschinen probieren und sind absolut überzeugt von Farbwiedergabe und Druckbild. Giftige Dämpfe bleiben uns angenehmerweise erspart. Ehrlich gesagt, wir haben nie konventionelle Druckfarben ausprobiert.

Bei unserer Arbeit gibt es keine vorgefertigten Farbtöpfe. Jede Farbe wird bei jedem Druckdurchgang neu gemischt. Wir schnappen uns also unseren Farbfächer und begeben uns auf die Reise durch Dogliani Castello und Umgebung: diese Lichtstimmungen, die je nach Tageszeit die wunderbare Patina der unterschiedlichsten Materialien auf den Plätzen, in den Gassen und Gärten zum Leuchten bringen! Die natürlich und fein aufeinander abgestimmten Farbnuancen und Schattierungen von Holz, Stein, Ziegel, Gräsern und Bäumen inspirieren uns. Später suchen wir im Hinterhof unseres Ateliers, wo das Licht schön gleichmäßig einfällt, die richtige Mischung aus Gelb, Magenta, Cyan, Schwarz und Weiß. Das ist Fingerspitzenarbeit und dauert seine Zeit – eine Spachtelspitze zu viel von einer Farbe und der Farbton driftet in eine ganz andere Richtung ab.

Also. Wir mischen Farben mit Spachtel und Walzen, schrauben und justieren an der alten Maschine und üben unsere Muskeln, den richtigen Druck an den Hebel zu setzen. Das perfekte Druckbild ergibt sich aus der Festigkeit und Menge der Farbe und der richtigen Balance des Drucks – nicht zu sanft und nicht zu fest. Das uralte Stahl-Guss-Werkl läuft – aber es hat seine Eigenheiten und Unregelmäßigkeiten. Kein Verlass auf Kontinuität. Ständiges Nachjustieren. Jedes Blatt wird ein Unikat. Oft geht es bis in den späten Abend. Klack-zing-klimm. Papier raus, Papier rein. Klack-zing-klimm. Farbe beobachten. Papier raus, Papier rein… Man kann es am Schmatzen der Walzen hören, ob noch genug Farbe am Farbteller ist. Klack-zing-klimm. Musik, Wein und immer wieder neugieriger Besuch von bekannten und neuen Gesichtern. Könnte gerne ewig dauern.

Und dann liegen sie da. Stapel fertig gedruckter Etiketten. Wir streichen genüsslich mit den Fingern über das Papier und die farbigen Flächen – was für eine Freude und Befriedigung! Ein Stapel bleibt noch halb fertig. Den drucken wir später gemeinsam mit den Leuten.

 

Das Fest

Wir veranstalten also eine Popup Print Party. Öffnen alle Türen und Fenster unseres temporären Ateliers, bereiten die Druckmaschine vor und bringen Wein und Musik. Es hat sich schon irgendwie herumgesprochen, dass wir hier werkeln und das Dinge passieren, die nicht ganz alltäglich sind. Am frühen Abend, nachdem sich Frankreich den Fußball-WM-Pokal geholt hat, kommen Menschen aus allen Richtungen. Bringen Tabletts, voll beladen mit hausgemachten piemontesischen Köstlichkeiten, um mit uns gemeinsam zu feiern. Ein umgebautes Fahrrad mit Sonnenschirm und gefülltem Kühlschrank rollt an.

Weinkorken schnalzen. Jeder hat etwas zu erzählen und rasch erfüllt eine gesellige Stimmung unseren Werkraum und die Gasse samt Hinterhof. Die Druckmaschine klimpert vor sich hin und immer mehr neugierige Blicke bleiben an ihr hängen. Was wird da gemacht, wie funktioniert das? Wir laden unsere Gäste ein, selbst Hand anzulegen. Unsere Nachbarn Gabriela und Franco, Bibi, der Schuhverkäufer mit seiner Zigarre im Mundwinkel, Cincia, die zierliche Frau des Kunstdruckers, und die vielen Kinder. Mit großem Interesse lassen sie sich instruieren und freuen sich selbst, Teil des Projekts zu sein. Manche nehmen sich ihr eigenes Werk als Erinnerung mit nach Hause. Wir feiern bis in die Nacht hinein.

Die gemeinsam fertig gedruckten Etiketten sind ein mit Emotionen aufgeladenes Produkt geworden, das durch jeden einzelnen Handgriff aller Beteiligten einen eigenen Charakter bekommen hat.

Und genau das war unser Ziel. Wir wollten ein Experiment starten und ein gemeinsames Werk im Austausch mit den Menschen hier vor Ort schaffen.

Es war uns ein Fest! Und wir sind schon neugierig, wohin uns das nächste Druckabenteuer führen wird.

 

Text und Fotos Ulla Schneeweis Fabian Wittmann

Schneeweis Wittmann ≈
Grafik Design Werkstatt
im Werkstättenhof
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