Drei Männer und die Diva der Weinwelt

Ein Gespräch mit Gianfranco Alessandria, Mauro Veglio und Jörg Amann.

Bocciarda ist ein stattliches Landhaus im Herzen der Langhe. Umgeben von dichtem Wald mit einer kleinen Lichtung gleich hinterm Haus. Auf dieser Lichtung wurzelt die Grundlage für ein leidenschaftliches Projekt. DOWHATYOULOVE ist das Ding dreier Herren: Gianfranco Alessandria, Mauro Veglio und Jörg Amann. Auf einem kleinen, dafür aber recht steilen Weinberg wird Pinot Noir gemacht. Auf der einen Seite ein Herzensprojekt, auf der anderen ein Machtwort in Richtung Burgund.

 

Serafina:             Gianfranco, in deinem Keller landen die Pinot Nero-Trauben vom Bocciarda Weinberg. Wir haben gehört, dass diese Sorte ein paar spannende Möglichkeiten für kreative Winzer bietet. Stimmt das? Und wenn ja, welche?

Gianfranco:        Aus den Trauben keltern wir zu 100 % Pino Noir. In unserem Fall den DOWHATYOULOVE. Aktuell den Jahrgang 2016. Oder wir verwenden die Trauben als Grundlage für den Schaumwein Bollicine. Üblicherweise kommen da auch noch eine andere Burgundersorte dazu: der Chardonnay. Wir machen das ähnlich wie unsere Kollegen in der Champagne. Nur besser (lacht). Außerdem haben wir die Möglichkeit, die Pinot Nero-Trauben zu Weisswein werden zu lassen. Oder wir verkuppeln (sorry, es heisst eigentlich ‚vermählen’) sie mit anderen Sorten wie Barbera oder Nebbiolo und machen eine sogenannte Cuvée daraus.

Serafina:             Sicher keine einfache Entscheidung. Du arbeitest in deinem Keller gemeinsam mit deinen Töchtern Marta und Vittoria. Wer fällt letztlich die Entscheidungen? Dürfen Mauro und Jörg auch mitreden?

Gianfranco:        Wir sind Freunde und teilen diese Leidenschaften: Natur, Weinberge und die Langhe. Unser Projekt können wir ohne finanziellen Druck verwirklichen, es macht daher umso mehr Freude. So können auch wir jedes Jahr entscheiden, was wir mit der Ernte anstellen.  Je nach dem, welche Traubenqualität wir ernten.

Serafina:             Mauro, Jörg, inwieweit bekommt Gianfranco von euch freie Hand? Vertraut ihr ihm voll und ganz?

Jörg:                      Ihm nicht, aber seinen beiden Mädels, Marta und Vittoria. (beide lachen). Das sind zwei sehr engagierte, dynamische und vor allem talentierte, junge Winzerinnen, die genau wissen, was sie tun. Nein, im Ernst, es ist toll, dass uns durch ihre Ideen frischer Wind um die Ohren weht.

Serafina:             Gianfranco und Mauro, die Frage an Euch als eingesessene piemontesische Winzer. Warum Pinot Noir in der Langhe? Die Region gilt als Heimat und Hochburg von Barolo, Nebbiolo, Dolcetto & Co. Aber Pinot?

Mauro:                Pinot Noir ist eine Diva. Pinot ist elegant, ein feiner Wein mit weiblichen Noten. Seine Eleganz ist mit Nebbiolo vergleichbar, bei den Gerbstoffen spürt man aber sofort den Unterschied.  Pinot Noir ist eine internationale Rebsorte. In der Langhe wird sie von vielen Winzern angebaut. Man könnte sagen, es ist die Königsklasse, rubinrot die Farbe, fast wie ein in Würde gereifter Bordeaux.

Serafina:             Was unterscheidet den Bocciarda Weinberg von euren anderen Lagen?

Gianfranco:        Der Weinberg ist extrem steil und daher schwierig zu bewirtschaften. Alles muss von Hand gemacht werden, rundherum wächst Wald, was das Ganze auch nicht einfacher macht. Anderseits gibt es dadurch auch keine angrenzenden Weinberge, daher sind die Böden lebendig und gesund und nicht kontaminiert. In den letzten Jahren gibt es in Italien immer mehr Winzer, die sich an solche Projekte wagen. Man nennt diese Lagen Vigni di eroi – Weinberge der Helden.

Es ist immer ungewiss, wie die Ernte ausfällt. Finanziell sind solche Projekte meist uninteressant, aber das Ergebnis ist etwas Besonderes. Anders als bei großen Weingütern, die ihren Kunden jedes Jahr gleichbleibende Qualität bieten können, weiß man hier nie, wie der Jahrgang wird. Viel Leidenschaft ist allerdings immer im Glas.

Serafina:             Jörg, was bedeutet für dich dieses Projekt?

Jörg:                      Ich bin natürlich unglaublich stolz, wenn ich sagen kann, dass der Wein aus Trauben vom eigenen Weinberg gekeltert wurde. Das ist schon eine großartige Sache. Zumal es nicht nur Wein ist, sondern WEIN! Aber für mich als Gartengestalter ist auch der Aspekt der Landschaftspflege eine wichtige Motivation. Wenn ich Außenanlagen für ein Anwesen wie die Bocciarda planen müsste, würde ich dem Kunden raten, bis zum Haus Weinberge anzulegen. Eleganter kann man die Umgebung in einer Gegend wie der Langhe gar nicht gestalten.

Mauro:                Seid ihr schon einmal im Burgund gewesen? Die Dörfer dort sind fantastisch, es wird kein Platz verschenkt, überall wächst Wein. Die Zeilen gehen bis zu den Gebäuden, niemand käme auf die Idee, kostbaren Grund für Gärten oder Parkplätze zu verschwenden. Aus 50 Pflanzen können die 150 L Wein gewinnen, bei Preisen von durchschnittlich 150 Euro pro Flasche ist es schon verständlich, dass mit Grund und Boden so sorgsam umgegangen wird.

Jörg:                      Eben, besser geht es nicht!

Serafina:             Auf dem Etikett der Weine steht Quota 495,3. Und DOWHATYOULOVE. Was hat es damit auf sich?

Jörg:                      Das ist ganz einfach. Quota 495,3 ist die Seehöhe, die exakte Höhe über dem Meeresspiegel am Gartentisch der Bocciarda. Unzählige Male haben wir an diesem Tisch darüber diskutiert, ob wir den Weinberg anlegen sollen, wo genau er stehen soll, welche Rebsorte wir auspflanzen. Und wir hatten und haben viel Spaß an diesem Tisch.  Letztlich ist es auch der Tisch, an dem eine Menge dieser Flaschen getrunken werden. Zum Etikett gibt es auch eine Geschichte. Yvonne hat uns gefragt, ob wir einverstanden sind, wenn sie sich um die Etiketten kümmert. Sie lädt Gestalter, Grafiker oder sonstige kreative Köpfe ein, in den Serafina Häusern ein paar Wochen zu leben und zu arbeiten. Der Kontakt mit den Winzern und das Leben im Piemont sind Inspiration und Herausforderung zugleich. Das DOWHATYOULOVE-Etikett ist die Premiere. Es ist auf den Flaschen des Jahrgangs 2015 und 2016. Es ist Statement und Einladung gleichermaßen, oder?

Serafina:             Nicht nur hinter, auch unterhalb der Bocciarda gibt es einen Weinberg. Mauro, Du bist für diese Lage unterm Haus zuständig, richtig? Oder zumindest für das, was im Keller mit den Trauben passiert.

Mauro:                Am Hang unterm Haus haben wir Riesling angepflanzt.  Auch diese Rebsorte ist eine Art Diva, die filigrane und elegante Weine hervorbringt. Und auch der Riesling ist kein klassischer Piemonteser. Vielmehr ein gern gesehener Gast.  2018, wenn alles gut geht, gibt es die erste Ernte. Wir sind schon sehr gespannt.

Serafina:             Wo gibt es die Weine zu kosten? Und vor allem: wo zu kaufen?

Gianfranco:        Erstens klarerweise in Roddino. In den Restaurants, die in unmittelbarer Nachbarschaft liegen.  Wo man nach dem Essen einen Verdauungsspaziergang zu den Weinbergen, aus denen die Trauben stammen, machen kann: Osteria da Gemma, Trattoria del’Amicizia und Agriturismo Iride. Dann bei Freunden in Dogliani, in der Osteria del Torchio und in Serralunga bei Alessio in der Osteria Centro Storico, in La Morra bei Paula Revello im Winenot? In Monforte d’Alba bei Silvia in der BaroloBar und Giulio’s Case della Saracca. Dann in Turin, im bunten Viertel San Salvario, bei Daniela Bruno im Bistrot/Galerie Spazio Mouv‘. All das sind Leute, die uns, die Weinberge und unsere Arbeit kennen und schätzen.

Serafina:             Und in Österreich?

Jörg:                      Bei Maiz und Bea Sauter in Bad Kehlegg. Oder bei Sonja Messing in der Schoscha Villa. Die waren alle schon bei uns in der Langhe und haben ihren Urlaub dort verbracht. Sie kennen die Winzer, den Weinberg und die Geschichte von DOWHATYOULOVE.

 

Vielen Dank für das Gespräch. Alla salute! (Man hört den hellen Klang anstoßender Weingläser)

 

 

 

 

 

Jürgen Schmücking hat eine Leidenschaft für gut schmeckende und sauber hergestellte Genuss-Produkte. Davon überzeugt, dass Bio-Produkte diese Kriterien erfüllen, hat er sich in den Dienst der Produzenten gestellt. Als Journalist, Fotograf und Slow-Food-Aktivist. Über 3 Jahre lang leitete er den Bereich Weinmarketing bei Bio Austria.