Simon arbeitet in der Politik und hat deswegen wenig Freizeit. Diese verbringt er deswegen an Orten, wo es wenig bis keinen Handyempfang gibt, damit er zumindest ein paar Tage im Jahr verbringen kann, an denen er nicht von seinem Smartphone getrieben wird. Einer dieser Orte ist das Piemont, wo er die Luft, die Ruhe und das Essen genießt wie nirgendwo anders. Falls er also in der Gegend ist findet man ihn in der Osteria da Gemma in Roddino, wo er sich entweder am Carne Cruda überfrisst oder mit den zwei Border Collies, die am Nachbargrundstück daheim sind, Stöckchen werfen spielt.

 

 

 

Einfach essen.

In einer Gegend wie dem Piemont Urlaub machen zu dürfen, ist ein Privileg für sich. Das wird einem spätestens dann bewusst, wenn man das erste Mal in der Früh nach dem Erwachen die Fensterläden öffnet und auf sanfte Hügelketten voller Wein- und Haselnussplantagen blicken darf. Darf? Ja – weil es ein Privileg ist, auf diesem wunderbaren Fleckchen Erde die absolute Entschleunigung und totale Entkoppelung vom Alltag erleben zu dürfen.

Aber ist es alleine die verschlafene Einsamkeit, eingebettet in einer pittoresken Gegend, die zum Immer-Wieder-Kommen verführt? Eine alte Journalisten-Weisheit besagt, dass jede rhetorische Frage, die in solchen Texten gestellt wird, mit NEIN beantwortet werden kann. Und auch diese fragetechnische Glanzleistung ist nicht die berühmte Ausnahme von der Regel. Was also macht das Piemont und die Gegend rund um Dogliani so besonders?

Die Besonderheit hört auf fünf Buchstaben alt und – meine Freundin tadelt mich jetzt für diese Superlative, die alle Erwartungen in unermessliche Höhen schraubt – macht DAS BESTE ESSEN der Welt: Gemma.

Die Osteria da Gemma – sie ist nach ihrer Besitzerin benannt – steht in Roddino. Ein Ort, den man gern als kleines Kaff in der Mitte von Nirgendwo bezeichnen kann, ohne dabei zu übertreiben. Und dort kocht sie seit Jahrzehnten Tag für Tag mittags und abends die selben Gänge für ihre Gäste.

Kann ein kleines Dorfgasthaus, das seit Jahrzehnten immer das Eine macht – und zwar das Gleiche – so einen derartigen Mehrwert darstellen? Kann ein Lokal, das sich von seiner Einrichtung und von seinem Charme nicht von anderen italienischen Gasthäusern abhebt, Entscheidungsgrundlage für Piemont-Urlaube in Repeat-Schleife sein? Es kann. Weil man dort einfach essen kann.

Ich habe noch kein anderes Lokal besuchen dürfen, das mich geschmacklich, im Essensumfang, qualitativ, von der Schlichtheit der Speisen und von allem drum herum so begeistert hat. Jedes Schnitzel lass ich für das Carne Cruda links liegen. Mamas Speckknödel würde ich keine Sekunde Aufmerksamkeit schenken, wenn daneben die selbstgemachten Gemma-Tagliatelle mit Fleischsauce stünden. Und kein Kaiserschmarrn der Welt kommt gegen dieses Gedicht einer Nachspeise – für die es anscheinend keine Bezeichnung gibt, dafür aber umso mehr mit italienischer Liebe verarbeitete Biskotten, Schlag und Krokant beinhaltet – an. Wer eine noch exaktere kulinarische Führung genießen will, kann sich den inzwischen 10 Jahre alten Artikel des Standards (bit.ly/einfachessen) zu Gemüte führen – es hat sich seitdem nichts an der Genialität des Essens verändert.

Nicht umsonst ist es für uns zur Tradition geworden, am ersten Tag – egal zu welcher Uhrzeit – bei Gemma vorbei zu schauen, um uns dort das Highlight des Urlaubes gleich zu Beginn zu bescheren. Nur um diesen Klimax in den nächsten Tagen immer und immer wieder zu wiederholen. Hin und wieder kann ich auch dazu überredet werden, in eines der anderen fantastischen Lokale in der Gegend zu gehen. Was der Vorfreude auf den nächsten Gemma-Besuch aber keinen Abbruch tut. Und ein kleiner Tipp zum Abschluss: Den Anfängerfehler, sich mit Brot den Magen vollzuschlagen, auslassen und sich lieber auf das Wesentliche konzentrieren – Einfach essen.